Gefühlte Realität
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Das ist mein Warum

Mein Warum-Frau am Meer-Frei sein- Atmen

Warum mache ich das hier eigentlich?

Warum erhebe ich jetzt die Stimme und den Stift, nachdem ich quasi schon ein Drittel meines Lebens einen anderen Weg gegangen bin?

Was treibt mich an, mich  mit 42 Jahren hinzustellen und zu sagen: „Hey Welt, es gibt da etwas, über das wir reden sollten! Unbedingt! Jetzt! Wir haben schon viel zu lange gewartet!“ 

Wieso jetzt? Fast 30 Jahre nachdem die erste Diagnosestellung auf Depressionen hingedeutet hatte, knapp 30 Jahre nach der ersten Therapie? 

Ich habe 2 leibliche Töchter und eine Stieftochter. Habe einen wunderbaren Mann. Arbeite  Vollzeit als Krankenschwester. Bin integriert in Familie und Freundeskreis. Ich kann sogar glücklich und fröhlich sein.

Im Grunde hab ich es doch geschafft. Ich habe überlebt. Habe einen Weg durch das Leben als Betroffene in einer Gesellschaft, die noch immer Themen wie psychische Erkrankungen, Gewalt (psychisch, physisch, sexuell) gegen Frauen * und den Tod tabuisiert.

Aber genau das ist der Punkt. Ich habe überlebt. Ich habe einen Weg gefunden. 

That’s it. Nothing else.

Ich habe einen Weg gefunden. Doch das reicht mir nicht. Ich suche meinen Weg. 

Offen gesagt reicht mir das nicht. Diese 30 Jahre waren nicht schön. Bis heute fühlt es sich nicht gut an, jemandem zu sagen oder zu erklären, was bei mir anders läuft. Warum ich manchmal unglücklich, tieftraurig, absolut verzweifelt bin? Warum ich so unzufrieden mit mir bin, obwohl ich doch wirklich viel erreicht habe? Warum da dieser Selbsthass und dieses selbstzerstörerische Denken und Handeln ist? Wie beschreibt man verständlich etwas, was man selbst schwer greifen und verstehen kann?

Die Blicke, die mich treffen, die Reaktionen auf meine Worte sind nicht immer unangenehm oder demütigend. Aber oft. Viel zu lange wurde ich vom Bild unserer Gesellschaft von psychisch Erkrankten geprägt. Diese Prägung ist so stark wie ein Brandzeichen. Und es gehört verdammt viel Mut dazu, zu sagen: „Seht her, hier bin ich. Das bringe ich mit. Damit lebe ich. Und es ist mir egal, was ihr darüber denkt.“ Mutig sein gehört leider nicht unbedingt zu den herausragenden Eigenschaften eines Menschen, der psychisch instabil oder erkrankt ist.

„Die Rollen, die ich spielte, hinterließen stets eine große Leere…“

Ich habe gelernt mich zu verstecken, mich zu verstellen und zu verbiegen. Diese Masken, die ich trug (und auch heute mitunter noch trage, weil dieses Verhaltensmuster so tief sitzt.) schmerzten. Die Rollen, die ich spielte, um angepasst zu erscheinen, hinterließen stets eine große Leere, das Gefühl von Einsamkeit und den Schmerz darüber, nicht gut genug zu sein, weil ich eben anders war und bin. Diese Emotionen führen zu einer Symptomverstärkung und schon haben wir den Teufelskreis, aus dem es (scheinbar) kein Entrinnen gibt. Depression, Angst, Verzweiflung, Vereinsamung führen zu noch tieferer Depression, noch mehr Verzweiflung, noch mehr Verletzungen, noch mehr Selbstzerstörung. 

Scham ist das, was sich den ohnehin schon reichlichen negativen Gefühlen hinzugesellt. Ausbrechen kann man aus dieser Spirale, aber dafür braucht es Verständnis, Akzeptanz, Raum zur Offenheit im Außen. Es braucht helfende Hände und offene Ohren. Und es braucht Geduld. Auf allen Seiten.

Mein Glück war, dass ich Menschen begegnet bin, die mich lieben, so wie ich bin. Menschen, die mir unerschütterlich zeigten und sagten, dass ich liebenswert und gut bin, so wie ich bin. Ich habe gelernt, zu vertrauen und habe verstanden, es gibt dieses Verständnis und diese Liebe auch für Menschen, die „eine Schraube locker haben.“

In meinem Beruf wurde mir eines ganz klar. Menschen, die an körperlichen Fehlfunktionen leiden, werden behandelt, respektiert, Ihnen wird geholfen. Kein Mensch tuschelt hinter vorgehaltener Hand: „Sie hat eine Blinddarmentzündung und muss deshalb jetzt ins Krankenhaus.“Betroffene von psychischen Erkrankungen erzeugen immer Unsicherheit und Unbehagen.

Wie geht man bloß damit um?

Wie geht man denn damit um? Was kann man sagen? Und was lieber nicht? Welche Fragen darf ich stellen, welche Antworten suche ich mir besser anderswo? Was ist bei ihr oder ihm denn jetzt eigentlich krank? Unsicherheit und Unwissenheit sind Dinge, die veränderbar sind. Veränderung braucht Menschen, die aufstehen und ein Thema in den Fokus rücken. Menschen, die nicht ruhen, um aufzuklären und zu unterstützen.

Und da bin ich wieder bei meinem Warum.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der betroffene Menschen, wie ich, sich nicht schämen oder verstecken müssen. Deshalb spreche und schreibe ich über das Thema psychische Erkrankungen im Allgemeinen und Depressionen und emotionale Instabilität im Speziellen. 

Mein Blog soll ein Sprachrohr sein, für betroffene Menschen, die den Mut zur Offenheit noch suchen. herzmutig.de soll ein Ort für Information und Ratschläge sein. Auch für Angehörige und Freunde. herzmutig.de soll eine Plattform für Gedankenaustausch und Unterstützung sein. 

Alles, was ich weiß, habe ich erfahren und erlebt.

Ich bin kein Experte, weil ich die Psyche des Menschen studiert habe und einen Doktortitel trage. Vielmehr habe ich mein Wissen aus Erfahrungen gelernt. Ich habe mich belesen und vieles im Austausch mit anderem Menschen, sowohl Betroffenen als auch Therapeuten und Angehörigen, verstanden.

Dieses Wissen, diese Erfahrungen, die Tipps, welche in meinem Alltag erprobt wurden, möchte ich teilen. 

Weil ich hoffe, damit etwas bewegen zu können. Meine Vision ist es, jemandem helfen zu können. Ich möchte etwas verändern. In dieser Welt, in unserer Gesellschaft, in unseren Herzen.

Ich möchte etwas erschaffen, von dem ich wünschte, es wäre schon vor 30 oder 20 Jahren eine Option gewesen.

Der positive Nebeneffekt ist außerdem, dass das Schreiben hier auf dem Blog und das Sprechen im Offline-Bereich mir einen anderen Blick auf meine eigene Situation schenken. Ich erfahre einen Perspektivwechsel. Durch dieses objektive Betrachten von Außen gewinne ich Abstand. Der Abstand hilft mir zu einem klareren Bild und zu neuem Denken.

herzmutig.de ist mein Herzensprojekt. 

Denn es ist vor allem mein Weg zu mir. Mein Weg zur Heilung und zur Selbstliebe.

Ich lade dich ein, diesen Weg mit mir zu gehen.

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