Gefühlte Realität
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Von Giraffen und Wölfen oder Die Kunst des Kommunizierens

„Es gilt das gesprochene Wort“ ist der Titel eines Filmes, den ich nicht gesehen habe. Obwohl ich kurz darüber nachdachte. Aber die Triggergefahr schien mir zu hoch, weshalb ich den Gedanken verwarf.

Der Titel an sich blieb noch eine Weile in meinem Kopf hängen und ich begann nachzudenken, was dieser Satz „Es gilt das gesprochene Wort“ für mich ausdrückt.  Ich begann zu interpretieren. Ich bin eine Wortliebhaberin. Geschrieben und gesprochen. Alles schön. Ausdruck, Artikulation schmücken und untermalen. Worte werden zum Genuss. Worte werden zu Kunst.

Worte sind aber auch der alltägliche Weg, über den wir den Großteil unserer Verständigung bewältigen.                                                                                      Kommunikation ist eines der wichtigsten Werkzeuge im Umgang miteinander.
Erst vor ein paar Tagen ist mir wieder bewusst geworden, wie mächtig sie ist.

Worte allein sind schon mächtig. Aber auch die Art und Weise, wie wir sie ausdrücken, wie wir uns ausdrücken, hat Einfluss auf uns und darauf, wie ein Gespräch verläuft.
Missverständnisse. Passieren leicht. Ein Blick oder ein Wort können die komplette Stimmung zwischen Menschen verändern und sogar Verbindungen  zwischen Menschen lösen. Was wirklich wichtig ist, ist wie wir damit umgehen, wenn wir bemerken, dass wir missverstanden wurden oder dass wir missverstanden haben.

So ein Mis(s)t…verständnis

Oft empfinde ich ein Gefühl des Unverstandenseins, der Verletzung, der Enttäuschung welches nach einem Streitgespräch, einer Diskussion zurückbleibt. Die Erinnerung an dieses Gefühl schwingt dann, ungewollt beim nächsten Zusammentreffen mit der Person mit, was den Verlauf der weiteren Gespräche nachhaltig beeinflussen kann.

Als ich mich auf die Suche nach einer Möglichkeit machte, die Art und Weise meiner Kommunikation zu verbessern landete ich bei der Methode der „Gewaltfreien Kommunikation“(GfK). Dabei irritierte mich das Wort „gewaltfrei“.     Welche Gewalt? Ich kommuniziere doch mit Worten. Und mit Gesten.                         In der GfK steht Gewalt jedoch für die Art des Denkens und Sprechens, die von moralischen und persönlichen Urteilen und Bewertungen geprägt ist. Dinge wie gut und böse, richtig oder falsch. Gewalt in Form von Beleidigungen, Beschimpfungen. Dabei werden Gefühle verletzt und Bedürfnisse übergangen. Dies ist ein Verhalten, welches eher unbewusst geschieht, doch in dessen Folge ernsthafte Konflikte entstehen können.

Konflikte oder Streitigkeiten an sich sind nichts Ungewöhnliches. Wir Menschen sind Wesen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die manchmal nicht miteinander vereinbar sind. Es kommt letztendlich drauf an, wie wir diese miteinander kommunizieren und ob wir konstruktiv streiten oder diskutieren können.

Kann man streiten lernen?

Anfang des Jahres besuchte ich ein Seminar für Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Dies war ein eindrucksvolles Wochenende.
Joanna, die das Seminar leitete, ist eine charismatische , junge Frau. Sie ist nicht nur Trainerin für GfK, sondern auch Musikerin. Ihr gelang es nahezu mühelos, unserer kleinen Gruppe eine Thematik zu vermitteln, die so umfangreich ist, dass ein Wochenende nicht ausreicht, um diese Art der Kommunikation nicht nur kennenzulernen, sondern auch zu leben.

GfK ist eine Methode miteinander in Kontakt und Austausch zu gehen, welche von Wertschätzung geprägt ist.
Die Wertschätzung der Bedürfnisse des anderen. Aber vor allem auch das Erkennen und Wertschätzen der eigenen Bedürfnisse. Empathie und Selbstempathie.
Dies erfordert Aufmerksamkeit* und Übung. Vor allem erfordert es Geduld*.

*Dinge, die uns im Alltag mit Smartphones und Zweitjobs, mit Kindern und Partnern häufig abhanden kommen. Zumindest stehen sie oft nicht ganz oben auf der Prioritätenliste und treten in den Hintergrund.

Joanna benutzte bei dem Seminar, ähnlich wie Rosenberg es tat, die Symbolik der Giraffe und des Wolfes. Die Giraffe steht für ein einfühlsames, mitfühlendes, freundliches, klares Verhalten, welches eine Verbindung zwischen Menschen ermöglicht. Als Landtier mit dem größten Herzen und dem langen Hals symbolisiert sie Weitblick und Herz. Der Wolf steht für gewaltvolles, aggressives Verhalten, welches eine Verbindung eher verhindert. Er symbolisiert Kritik, Bewertung, moralische Verurteilung und Schuldzuweisungen.

Oft werden Gespräche in Wolfssprache geführt und erzeugen wölfische Reaktionen. Der Wolf beißt verbal zu. Wir sprechen oft auch zu uns selbst in Gedanken in Wolfssprache. „Giraffensprache“ hingegen ist verbindend, wertschätzend und liebevoll. Die Giraffe spricht von „Herz zu Herz“.

Marshall Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation, Die Kunst des Kommunizieren, Von Giraffen und Wölfen

Marshall Rosenberg 1990

Die mit dem Wolf tanzt….

Joanna setzte sich also in den Übungen jeweils ihre Giraffen- oder Wolfsohren auf und verdeutlichte somit die Ausdrucksweise und das Verhalten der jeweiligen Symboltiere. Spielerisch. Wer jetzt an Kindergarten-Methodik denkt liegt ganz und gar falsch. Im Gegenteil. Durch die Symbolik wird das Konzept der GfK sehr verständlich und deutlich. Jeder erkennt den Wolf und die Giraffe in sich.

Das Konzept der „Giraffensprache“ basiert im Wesentlichen auf 4 Schritten:

♦ Beobachtung bzw. Wahrnehmung Was ist geschehen?
♦ Gefühl Wie geht es mir?
♦ Bedürfnis Was brauche ich?
♦ Bitte Wie kann mein Bedürfnis erfüllt werden?


Hier ein kleines Beispiel aus meinem Alltag. Das große Kind lässt Dinge im Wohnzimmer und in der Küche herumliegen, während ich arbeiten bin. Ich komme heim und ärgere mich. Ich gehe zu ihr und sage: „Ich bin frustriert, weil du immer alles herumliegen lässt. Du bist unordentlich oder faul. Auf jeden Fall nervt es mich nach Hause zu kommen und die Wohnung so vorzufinden!“. 

Meine Aussage ist absolut wölfisch, voller Bewertung, Vorwurf und Schuldzuweisung. Als Reaktion kommt dann etwas wie: „Immer meckerst du nur rum. Du kommst nach Hause und hast etwas an mir auszusetzen. Lass mich in Ruhe!“. Stell dir jetzt noch eine knallende Tür vor, dann passt die Situation in etwa.

Die Giraffe würde sagen: „Ich bin frustriert (Gefühl). Ich komme nach Hause und die Wohnung ist unordentlich (Beobachtung). Ich brauche Ordnung und Sauberkeit, um mich zuhause wohlzufühlen. (Bedürfnis) Räumst du bitte auf, wenn du etwas in Unordnung bringst? (Bitte) 


Hinter jedem Gefühl, das in uns entsteht, steckt ein Bedürfnis. Und es ist nicht immer möglich sich mit Gefühlen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Manchmal wollen wir einfach wie ein Wolf heulen und die Zähne zeigen. Es geht nicht darum ständig „giraffisch“ zu sprechen. Beide, Wolf und Giraffe, haben Ihre Daseinsberechtigung und gehören einfach zu uns. Wir sollten Sie einfach miteinander „Tanzen lassen“, bewusster kommunizieren, bewusst und achtsam agieren, anstatt „nur“ impulsiv zu reagieren.

Es ist wirklich spannend, wie man durch die GfK mit sich selbst und anderen in (wieder) Verbindung treten kann. DfK basiert auf Wertschätzung und ist viel mehr als nur ein Kommunikationsinstrument. GfK ist mehr als nur Sprache. Es ist eine Lebenseinstellung.

Ich gebe zu, mitunter finde ich die Ansätze Rosenbergs etwas zu spirituell. Aber der Grundgedanke der allem übergestellten Empathie und Wertschätzung spricht mein achtsames Selbst total an und macht diese Methode, die eigentlich keine ist, für mich so interessant.

„Es gibt keine Methode, es gibt nur Achtsamkeit.“ (Krishnamurti)

Mein Fazit

Nach dem Wochenende in der Mutfabrik habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wann und wie ich wertschätzend und bedürfnisorientiert kommuniziere. Und wie ich das ändern kann. Denn mir wurde bewusst, wie groß meine Defizite sind.
Was nicht bedeutet, dass ich nicht instinktiv versuche, die Bedürfnisse des anderen zu erahnen. Es gelingt nur nicht immer.
Was mich persönlich dann wirklich betroffen macht. Manchmal grenzt das Gefühl sogar an Verzweiflung.

Warum werde ich nicht gehört? Warum werde ich nicht verstanden?
Warum versteht die/der andere nicht, worum ich bitte. Was ich brauche?             Warum empfindet mein Gegenüber meine Bitte als Vorwurf? Warum empfinde ich Worte als Vorwurf oder Kritik, als Angriff, welche nicht als solche gemeint waren?

Mir vorzustellen, was im Kopf des Gegenübers gerade passiert, prägt meine Art zu kommunizieren. Denn die Art dieser Vorstellung macht etwas mit mir.
In meinen Gedanken läuft ein Szenario ab, ein Worst-Case-Szenario.
Instinktiv versuche ich, dieses zu vermeiden und fahre alle Geschütze (meiner Meinung nach) auf. Das ist anstrengend, lenkt vom eigentlichen Grund des Gespräches ab und ist absolut nicht zielführend.

Erst heute, als ein wieder mal ein Gespräch in einem (oder mehreren) Missverständnis endetet, fiel mir dieses Seminar wieder ein, weil ich bemerkt habe, dass ich das Gelernte zwar gehört und aufgeschrieben habe, jedoch bei der Umsetzung im Alltag an den (meinen) alten Mustern scheitere.

Auch wenn es in Joannas Seminar Übungen und Rollenspiele gab, die das Verständnis für die GfK erleichterten und die Grundlagen anschaulich machten, braucht es einiges an Übung und Gewöhnung um den Ansatz der GfK und die Methodik im Alltag zu verinnerlichen und adäquat anzuwenden.

Die Übung macht den Meister

Ich habe mich entschieden, ein Aufbauseminar zu belegen bzw. die offenen Übungsgruppen zu besuchen, die hier in Leipzig angeboten werden. Denn ich glaube auch, daß mich dieses Üben bei meiner aktuellen Gesprächstherapie und vielen anderen Bereichen des Lebens unterstützen und begleiten kann.

Wenn du mehr über die GfK erfahren möchtest, schreib mir gern. Google ist natürlich auch hilfreich, besonders wenn es um spezielle Angebote in deiner Stadt geht.

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