Gefühlte Realität
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Tut Wut gut?

Neulich schickte mir meine jüngste Tochter eine WhatsApp Nachricht mit einem Sticker. Zu sehen war eine weibliche Person, die wütend das Gesicht verzog. „Mama, das bist du, wenn du wütend bist.“ schrieb sie.
Erst musste ich grinsen und dachte so etwas wie : Ach dieses Kind.
Dann fühlte ich mich unangenehm berührt, ich fühlte mich ertappt.

Was war da los?

Wütend zu sein, sich zu ärgern ist doch ein normales Gefühl.
Ein Gefühl, das wir alle kennen und fühlen.
Sollte man meinen.

Die Realität sieht jedoch anders aus.
Wut ist ein negatives Gefühl. Negative Gefühle sind in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen. Im Christentum gilt Zorn Wut sogar als Todsünde. So neigen wir Menschen dazu, negative Gefühle wegzuschieben, zu unterdrücken.

Mir persönlich macht Wut oft auch Angst. Die Wut anderer Menschen, aber auch  meine eigene. Aus Wut entstehen Konflikte. Mit Konflikten kann ich gar nicht gut umgehen. Konflikte müssen vermieden werden. Konflikte können zu einem schmerzhaften Kontrollverlust führen. Konflikte führen zu Ablehnung. Diese z.T. unbewusste Überzeugung beruht auf meiner Prägung als Kind und meiner Erfahrung im Erwachsenenalter. So hatte ich es gelernt.

Gefühle wollen gefühlt werden

Wenn wir Gefühle unterdrücken, verbessert sich die Situation nicht unbedingt. Im Gegenteil kann unterdrückte Wut sich sehr negativ auf unsere psychische Gesundheit auswirken. Generell haben unterdrückte Gefühle eine große Wirkung auf Körper und Geist. So wird das Immunsystem geschwächt und wir werden anfälliger für Infekte. Bluthochdruck, Magenprobleme, Diabetes, Herzerkrankungen können auftreten. Auf mentaler Ebene kann es zu Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen kommen.

Wo kommt Wut eigentlich her?

In einem Bereich unseres Hirns befindet sich das limbische System. Dazu gehört die Amygdala, auch Mandelkern genannt. Sie befindet sich auf Schläfenhöhe der beiden Hirnhälften, hat verschiedene Funktionen und ist der Ort, an dem Emotionen wie Angst oder eben Wut entstehen. Die Amygdala ist über Nervenfasern mit unserer Großhirnrinde, dem Thalamus und dem Hypothalamus verbunden. Sie verarbeitet Reize von Augen und Ohren und „entscheidet“ welche Emotion als Folge des Reizes entsteht. Während unser Frontallappen die Amygdalla normalerweise hemmt und uns kontrolliert und bedacht handeln lässt, übernimmt diese wenn wir uns in „Gefahr“ befinden das Ruder und hemmt den Frontallappen. Es entsteht eine Emotion, die sich für den Moment schwer kontrollieren lässt. Auf klörperlicher Ebene werden Stresshormone ausgeschüttet , Muskeln spannen sich an, das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flacher. Dieser Ablauf hat sich nicht geändert seit wir Menschen noch in Höhlen gelebt haben, das limbische System gehört evolutionär zu den ältesten Arealen unseres Gehirns. Wir sind also körperlich bereit, den Säbelzahntiger zu erschlagen, der es wagt uns anzugreifen oder weit wegzulaufen.

„…du hast da Gewitterwolken im Gesicht.“

Auch mimisch verändern wir uns durch die Wut oder den Zorn. Wir kneifen die Augen zusammen, pressen die Lippen aufeinander oder zeigen auch mal Zähne. Das schönste Gesicht kann zur Fratze werden. Oder wie meine Tochter es ausdrückt: „Mama, du hast da Gewitterwolken in deinem Gesicht“

Wohin mit der Welle des Gefühls?

Was tun, wenn es in uns kocht und brodelt und wir den Drang verspüren, etwas gegen die Wand zu werfen, die Faust auf den Tisch zu schlagen oder mit dem Fuß zu stampfen? Bis Zehn zählen, atmen, kurz vor die Tür gehen. Und wenn man allein ist kann man auch mal schreien oder in ein Kissen boxen.

Mehr Tipps findest du hier.

Emotionen dauern nur 90 Sekunden

Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern das Gefühle wellenförmig verlaufen. Sie bauen sich auf, der Moment der Rage ist quasi die Spitze der Welle und dann rollt die Welle der Emotion weiter und ebbt ab. Laut der Neurowissenschaftlerin Dr. Jill Bolte Taylor  dauert eine Emotion im Schnitt 90 Sekunden um alle Bahnen im Hirn zu durchlaufen.

Danach ist es uns wieder möglich die Situation sachlich zu bewerten und kontrolliert zu reagieren. Unser Frontallappen hat dann die Amygdala wieder eingefangen und übernimmt erneut die Führung.

Theoretisch ganz leicht

Allerdings kann es auch sein, dass wir die Wut nicht abebben lassen, sondern sie mit unseren Gedanken festhalten und füttern, so dass sie wieder wächst und größer wird bzw. andauert. Wenn ich mich zum Bespiel immer wieder daran erinnere oder davon erzähle, wie mir jemand den letzten freien Parkplatz vor dem Supermarkt weggeschnappt hat. Damit halte ich etwas wach, das schon längst vergangen ist.

Jedes Gefühl ist ein gutes Gefühl

Alle Gefühle sind Teil unseres Seins. Sie dürfen alle da sein. Wenn wir schon als Kinder gelernt habe, dass nur bestimmte Emotionen erlaubt oder erwünscht sind, suchen und finden wir Wege, diese wegzudrücken oder zu übergehen. Doch wie schon oben im Text zu lesen ist, schaden wir uns auf Dauer mehr damit, als uns bewusst ist. Eckart Tolle beschreibt Emotionen als „Wetter“. Wir können sie nicht beeinflussen, doch wir können unseren Umgang mit ihnen beeinflussen.

Hier passt dann auch der Surferspruch:

In diesem Sinne: Hab keine Angst vor deinen Gefühlen. Just let it flow.

 

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